Home-Office und virtuelle Teamarbeit: Was können wir von Unternehmen aus Finnland lernen?

2020 habe ich, wie viele anderen auch, die Vorzüge und Herausforderungen erfahren, die mit 4-5 Arbeitstagen pro Woche im Home-Office einhergehen. Bei mir überwogen und überwiegen die Vorteile: Eingesparte Pendlerzeit und -kosten, weniger Stress beim Pendeln, sowie mehr Zeit für Fokusarbeit.

Home-Office, mobiles Arbeiten, Videokonferenzen, Digitalisierung und (steuer-)politische Forderungen nach einer Dableib-Pauschale – das sind bleibende Themen, die im Jahr 2020 in Deutschland gesetzt wurden. Wie werden sich jene Themen zukünftig entwickeln?
Um Antworten auf diese Frage zu gewinnen, lohnt ein Blick in Länder, in denen mobiles Arbeiten und virtuelle Teamarbeit seit vielen Jahren verbreitet sind. Finnland ist ein solches Land.

Pasi Järvilehto im Portrait

Pasi Järvilehto

Ich freue mich daher sehr, dass ich Pasi Järvilehto für ein Interview gewinnen konnte. Pasi ist Senior Software Developer bei Gofore am Standort München.

Gofore hat seine Wurzeln in Finnland. Inzwischen hat das Unternehmen zehn Standorte in Europa. 700 Mitarbeiter/-innen unterstützen Unternehmen, Verwaltungen und Organisationen bei der Gestaltung digitaler Produkte und Services. Gofore Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen optimieren darüber hinaus Geschäftsprozesse, digitalisieren jene und organisieren den Wandel hin zu kundenzentrierten Gestaltungsprozessen. Fast immer arbeiten sie in internationalen Teams virtuell zusammen (Wie kann man bei virtuellen Treffen erfolgreich sein?).

All das sind beste Voraussetzungen für fundierte Erfahrungen und Erkenntnisse über die Erfolgsfaktoren von virtuellen Teams und regelmäßigen Arbeitseinsätzen im Home-Office.

An diesen Erfahrungen möchte ich Sie gerne teilhaben lassen.

Voraussetzungen & Treiber für die Verbreitung von Home-Office 

Pasi, in Finnland arbeiten viele Menschen seit Jahren von zu Hause. Finnland ist, das zeigen zahlreiche Studie, Europameister in Sachen Home-Office Verbreitung. Was sind die Gründe für diese Vorreiterrolle?

Pasi Järvilehto: Finnland ist ein relativ junges Land, bei dem die Traditionen in der Arbeitswelt nicht so gefestigt sind wie beispielsweise in Deutschland. Die Bevölkerung nimmt daher Digitalisierungs-Trends schnell an. Dazu gehört auch das Home-Office, das seit etwa fünf Jahren in Finnland − zunächst ausgehend von der IT-Industrie − in vielen Unternehmen eingeführt wurde.

Ein Grund dafür ist, sicherlich ebenfalls die einfache Umsetzung bei IT-Unternehmen, die als Arbeitsmittel meist nur Laptop und Internet benötigen. Zudem konnten die Firmen auf eine gute Infrastruktur mit Breitband im gesamten Land zurückgreifen. Obwohl die meisten Finnen in Ballungszentren leben, gibt es viele, die aus ländlichen Regionen kommen und sich somit besser in die Arbeitswelt integrieren lassen.

Hinzu kommt, dass finnische Firmen einen großen Wert auf eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit legen.

„Viele Arbeitnehmer haben das Angebot einer flexibleren Gestaltung der Arbeitsbedingungen gut angenommen und könnten sich heute eine Welt ohne Home-Office gar nicht mehr vorstellen. Dies verlangt aber großes Vertrauen der Arbeitgeber in die Mitarbeiter.“

Natürlich hat auch die Möglichkeit Miete zu sparen, da sich Arbeitsplätze im Büro mehrfach besetzen lassen, eine Rolle gespielt. Trotzdem wird die soziale Komponente eines gemeinsamen Büros in Finnland als essenziell angesehen. Nur wenige Firmen verzichten komplett auf Büroräume.

Tipps für gelungene Videokonferenzen aus dem Home-Office 

Gofore betreut international tätige Kunden und hat Büros in Spanien, Estland und Deutschland. Du selbst arbeitest für Gofore Deutschland am Standort München. Wie oft nimmst Du pro Tag an Web- oder Videokonferenzen teil?

Pasi Järvilehto: Da wir häufig mit Kunden im In- und Ausland kommunizieren, aber uns auch mit den anderen europäischen Gofore Büros austauschen, haben die Mitarbeiter − je nach beruflicher Rolle − unterschiedlich viele Webkonferenzen. Ehrlich gesagt zähle ich nicht mehr mit, da es für mich inzwischen zur alltäglichen Routine gehört. Manchmal sind es nur fünf-Minuten-Gespräche, die ich mit einem Kollegen oder Kollegin habe. Das kann am Tag schon einmal zu vielfachen virtuellen Meetings führen.
Bei agilen Softwareprojekten machen wir mit unseren „Dailys“, also kurzen täglichen Videokonferenzen, mit dem Kunden, die teilweise auch vom Ausland aus durchgeführt werden, gute Erfahrungen. Direkte Online-Gespräche zwischen den Teammitgliedern fallen dann nach Bedarf an. Interne Abstimmungsgespräche, oft mit Finnland, finden häufig per Audio-Konferenz statt.

Für weniger Erfahrene in Sachen Videokonferenzen:
Wo lauern typische Stolperfallen bei Videokonferenzen und wie können diese umgangen werden?

Pasi Järvilehto: Offensichtlich sind die allseits bekannten „Anwender-Stolperfallen“: also Audio gemutet oder eben nicht, und Probleme mit der Soundkarte. Das tritt immer wieder mal auf, aber durch die Erfahrung der Mitarbeiter im Umgang mit Tools wie Microsoft Teams oder Slack, ist das relativ selten oder sehr schnell behoben.
Es sind eher die „nicht-technischen“ Besonderheiten, die bei Web-Konferenzen eine besondere Hürde darstellen. Gerade Audio-Konferenzen, bei der man die non-verbale Kommunikation der Teilnehmer nicht verfolgen kann, sind herausfordernd. Zuhören und ausreden lassen ist deshalb wichtig. Es hilft natürlich, die Teilnehmer gut zu kennen. Deshalb bevorzugen wir für Personen, die wir noch nicht kennen, Videokonferenzen.
Viele Menschen können sich allerdings bei Audio-Konferenzen besser konzentrieren.

„Visuelle Anker wie eine Präsentation oder eine Agenda helfen dabei, Themen in Videokonferenzen fokussiert zu besprechen.“

Die Auswahl des Teilnehmerkreises sollte zudem gut gewählt sein, da „stumme Teilnehmer“ oft etwas deplatziert wirken, wenn sie nicht zum Geschehen aktiv beitragen. Dabei kann der Organisator eine entscheidende Rolle spielen, wenn er proaktiv Fragen zum Verständnis an die Teilnehmer stellt oder Beiträge einfordert.

Zu Hause, beim Kunden, im Büro: Je nach Aktivität und Anlass den passenden Arbeitsort wählen!

Seit den 2010er Jahren bieten immer mehr Unternehmen in Deutschland ihren Mitarbeitenden die Möglichkeit im Home-Office zu arbeiten. Das stetige, jedoch eher linear verlaufende Wachstum in Sachen Home-Office ging 2020 über zu einem exponentiellen Wachstum. Wie bewertest Du diese Entwicklung? Und welche Veränderungen ergeben sich für Dich aus dieser Entwicklung?

Pasi Järvilehto: Gofore hat bereits vor fünf Jahren das Home-Office eingeführt. Das passt gut zu unserer agilen Unternehmenskultur. Den Mitarbeitern wird großes Vertrauen entgegengebracht und es existieren in dem Sinne keine Vorgaben über feste Anwesenheitszeiten im Büro.

Die Entwicklung in Deutschland kommt unserer Arbeitsweise daher entgegen und wir bewerten das als sehr positiv. Es vereinfacht das Arbeiten für Kunden und die Akzeptanz für Remote-Projekte steigt hoffentlich weiter.

Wichtig ist, wir stellen unseren Kunden auch die für sie passende Software-Tools zur Verfügung, die für eine gute Remote-Kommunikation unerlässlich sind. Gerade Slack, eine Mischung aus einem Chat-Programm und Konferenztool, trägt beispielsweise entscheidend zu unserer Unternehmenskultur und zu einer besseren internen Kommunikation bei.

Trotzdem erachten wir persönliche Kundentreffen nach wie vor als wichtig. Allerdings, viele Dienstreisen sind nicht mehr notwendig, wenn das nötige Vertrauen da ist, Abstimmungen im Projekt über eine Online-Konferenz zu organisieren. Für Kick-Offs und Abschlussmeetings sind wir natürlich immer beim Kunden vor Ort, obwohl wir auch schon einige Projekte ohne ein physisches Treffen durchgeführt haben. Jedoch weniger in Deutschland.

Tipps für produktive und glückliche Home-Office Tage 

Die (Büro-)Arbeit von zu Hause erledigen, das will gelernt sein. Eine gute Netzanbindung, mobile Arbeitsgeräte und ein reibungsloser Zugriff auf das Firmennetzwerk vorausgesetzt: Worin bestehen Deiner Erfahrung nach Erfolgsfaktoren für ein produktives und glückliches Arbeiten im Home-Office?

Pasi Järvilehto: Natürlich braucht es möglichst Ruhe und die richtige Umgebung zum Arbeiten. Gerade am Anfang ist es wichtig zu lernen, mental zwischen Arbeit und Freizeit zu unterscheiden. Wenn möglich, ist auch eine räumliche Trennung, zum Beispiel mit einem eigenen Arbeitszimmer hilfreich.

„Die Auswahl passender IT-Tools ist auch nicht zu unterschätzen, da sie ein wesentlicher Bestandteil der Kommunikation im Home-Office sind.“

Wie bereits erwähnt, nutzen wir neben Microsoft Teams beispielsweise Slack, welches ein wichtiger Bestandteil unserer täglichen Arbeit ist. Dazu gehört auch die Kommunikation der Mitarbeiter über Chats und Gruppenkanälen. Vieles lässt sich hierdurch schnell und einfach regeln. Die Kommunikation ist benutzerfreundlicher und visuell ansprechender als via E-Mail. Falls es weiterer Erklärungen bedarf, fühlt es sich mit Ad-hoc Audio- oder Videokonferenz fast genauso an wie im Büro vor Ort.

Vielen Dank, Pasi, für die wertvollen Einblicke in Deine Erfahrungen mit dem Arbeiten von zu Hause und in internationalen, virtuellen Teams.

Mir wurde deutlich, dass es viel Erfahrung braucht, um die gewonnene Flexibilität bei der Wahl des Arbeitsortes richtig zu nutzen. Mir wurde auch klar, dass es inzwischen viele einfach nutzbare Software-Tools gibt, die virtuelles Arbeiten denkbar einfach machen.
Mitarbeitende deutscher Unternehmen, und da schließlich ich mich natürlich mit ein, können diesbezüglich noch dazulernen, nicht zuletzt von finnischen Unternehmen wie Gofore.  Auf diesen Lern- und Erfahrungsprozess freue ich mich sehr.

 

 

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