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Von hier an klar

Kategorie: Linktipps

New Retail auf dem Land – „Was Sie brauchen, das haben wir!“

Vielleicht kennen Sie den Ort „Amerika“ in Brandenburg? Ein kleines Dorf, das durch einen zugezogenen Prominenten bekannter wurde. Der Moderator, Schauspieler und Autor Dieter Moor, ein gebürtiger Schweizer, zog nach Amerika.

Der dortige „Tante-Emma-Laden“ empfing ihn, wie jeden anderen Kunden auch, mit diesem Spruch:

„Was wir nicht haben, das brauchen Sie [auch] nicht!“ (Dieter Moor)

Das ist mal eine Ansage! Von „New Retail“ und kundenzentriertem Denken ist da wenig bis nichts zu erkennen. Und obwohl dieser Spruch sehr anmaßend ist, kam er bei Dieter Moor und den anderen Dorfbewohnern gut an. Als kundenorientierter Händler kann man sich – Ausnahmen bestätigen diese Regel – eine solche Arroganz nicht erlauben. Das gilt im Besonderen für Betreiber von Gemischtwarenläden in Dörfern oder im ländlichen Raum. Hier gilt es den Anspruch: „Was Sie brauchen, das haben wir!“ zu haben und in der Realität umzusetzen.

Convenience Shopping durch Shopping Convenience

Die wenigen noch vorhandenen Gemischtwarenläden auf dem Land, oft liebevoll als „Tante-Emma-Läden“ bezeichnet, müssen sich voll und ganz auf die Bedürfnisse ihrer Kunden/-innen einstellen. Sie müssen rund um die Uhr für ihre Kunden/-innen da sein und ihnen ein bequemes Einkaufen direkt vor Ort ermöglichen. Convenience Shopping durch Shopping Convenience!

Der Preis für diese Dienstleistung ist hoch: 70-80 Stunden Arbeitszeit pro Woche, an mindestens 6 Tagen im Einsatz für Kunden und das für einen Lohn, der dem betriebs- und volkswirtschaftlichen Wert der Arbeit nicht einmal annähernd gerecht wird.

Das ist der entscheidende Grund, warum die Anzahl an Gemischtwarenläden auf dem Land weiter zurückgehen wird. Es finden sich einfach keine Nachfolger/-innen, die sich diesen Herausforderungen und Strapazen stellen wollen. Verständlich.

New Retail auf dem Land – Neue Betriebsformen braucht das Land!

Um die Versorgung von Dorfbewohnern mit Produkten des täglichen, spontanen Bedarfs sicherstellen zu können, braucht es neue Betriebsformen des Handels. Ähnlich wie Tante-Emma-Läden müssen sie jene Produkte anbieten, die vor Ort benötigt werden. Und das rund um die Uhr, an 7 Tagen pro Woche.

Die neuen Betriebsformen müssen für alle Dorfbewohner gut erreichbar sein, im besten Fall „auf Rädern“ von Haus zu Haus unterwegs sein. Wer sie ruft, wartet nur 5 Minuten und dann steht der mobile Laden vor der Tür. Ganz im Sinne einer hohen Shopping Convenience: Nicht der Kunde kommt zum Laden, der Laden kommt zum Kunden.

Jene Läden müssen ohne Verkäufer/-innen auskommen – der Aufwand für einen angemessenen Lohn ist einfach zu hoch.

Mit einer Karte, vergleichbar einer EC-Karte, und einem Code kann der Laden betreten werden. Alternativ ist ein Check-In über eine App auf dem Smartphone möglich.

Die Produkte werden aus Regalen oder Kühlschränken entnommen. Der smarte Laden erkennt welche Produkte welcher Kunde in seinen Einkaufskorb gelegt hat – Amazon GO lässt grüßen.

Ist ein gewünschtes Produkt nicht vorhanden, dann kann es per Sprache, über einen Touchscreen oder über das eigene Smartphone bestellt werden. Lieferung auf Wunschtermin oder in eine Lieferbox im Laden. Wer keine Bestellung aufgeben will, der kann seinen Produktwunsch einfach per Sprache übermitteln; in der Hoffnung, dass andere Dorfbewohner jenes Produkt auch schon mal wünschten und es in Zukunft ins Sortiment aufgenommen wird.

Beim Verlassen des Ladens wird die gewünschte Bezahlart gewählt. Von Barzahlung über mobile Payment bis auf Rechnung werden alle denkbaren Varianten angeboten.

Das erscheint, ganz klar: Nicht machbar (!?).
Bis, ja bis einer kommt, der das vielleicht ahnte, es aber dennoch einfach machte. Und der ist schon da. Sein Name: WHEELYS Inc. und sein selbstfahrender, smarter Laden hat den schönen Namen Mobymart (Video zum Mobymart, YouTube).

Mobymart - ein selbstfahrender, mobiler Laden der neuesten Generation

Mobymart/White Whale von WHEELYS Inc. im Einsatz

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Coworking auf dem Land – Landleben und (neue) Landarbeit nach menschlichem Maßstab

Es gibt viele gute Gründe einen „geteilten Schreibtisch“ in Klein-, Mittelstädten und in Dörfern anzubieten. Coworking Spaces auf dem Land sind keine Vision mehr, sie sind Realität: In Schleswig-Holstein, Bayern, in Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und vielen weiteren Regionen Deutschlands, Europas und weltweit.

Dazu beigetragen haben die positiven Effekte von Coworking-Spaces auf dem Land für Wissensarbeiter/-innen („Büromenschen“) die auf dem Land leben (wollen), für die Gemeinschaft auf dem Land und für die Gesellschaft als Ganzes.

Viele gute Gründe für Coworking auf dem Land

Der wohl entscheidende Grund für den besonderen Wert von geteilten Schreibtischen in unseren Regionen liegt in der Wiederherstellung von Nähe: Nähe zwischen dem Wohn- und Arbeitsort.

„In Zeiten der Digitalisierung ist es verrückt, dass die Menschen immer noch wie in den 1950er Jahren jeden Tag in die Büros der Städte zum Arbeiten eilen – die Arbeit kann heute zum Menschen kommen.“
Ulrich Bähr, Vorstand der CoWorkLand Genossenschaft.

Die funktionale Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsort ist geschichtlich betrachtet vollkommen untypisch für die Menschheit. Sie entstand erst im Zeitalter der Industrialisierung. Damals hatte sie auch ihre Berechtigung. Für die stetig steigende Schar von Wissensarbeitern/-innen („Büromenschen“) hat Nähe zwischen Wohn- und Arbeitsort jedoch deutlich mehr Vorteile.

Etwa zwei Drittel der Arbeitnehmer/-innen in Deutschland pendeln 5 von 7 Tagen zwischen ihrer Wohn- und Arbeitsstätte. Sie legen zum Teil sehr weite Strecken zurück, erleben Stress, verlieren wertvolle Zeit für ihr Familienleben, für Freunde, den Austausch mit Nachbarn oder Zeit zum Erholen. Zugleich tragen sie zu einer großen Belastung unserer Umwelt mit Schadstoffen bei. Letzteres ganz sicher in den meisten Fällen nicht gewollt.

Pendelzeiten reduzieren – das ist der wichtigste Nutzen von Coworking-Spaces auf dem Land. Es ist jedoch nicht der einzige. Geteilte Schreibtische auf dem Land leisten einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen im ländlichen Raum indem sie …

  • „Büromenschen“ in der Region halten,
  • Stadt- und Ortskerne (wieder-)beleben,
  • Vereinbarkeit von Familie, Beruf, Leben in einer Gemeinschaft verbessern,
  • eine Kultur des Teilens und Helfens befördern (wiederbeleben),
  • Menschen unterschiedlicher Professionen (Wissensarbeiter/-innen, Handwerker/-innen, Landwirte/-innen) vernetzen und auf diese Weise die Entstehung von Innovationen, Unternehmen und neuen Geschäftsmodellen fördern,
  • leerstehenden Gebäuden neues Leben „einhauchen“ und somit Werte erhalten
  • und den Lebensort Dorf für junge, hochqualifizierte Menschen attraktiver machen, so dass jene sich leichter tun mit einem Wohnortwechsel „von der Stadt aufs Land“.

Coworking Spaces auf dem Land schaffen, das sollte deutlich geworden sein, volkswirtschaftliche Werte von bedeutendem Ausmaß. Gleichzeitig, und das ist leider auch (noch) Realität, sind Coworking-Spaces auf dem Land betriebswirtschaftlich betrachtet kein Erfolgsmodell aus sich selbst heraus.

Es braucht Zeit, eine lange Anlaufphase, Durchhaltevermögen und intelligente Förderung(en) durch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Jene Förderung ist, ob der aufgezeigten volkswirtschaftlichen Effekte, jedoch ein sehr lohnendes Investment.

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Städte für Menschen – Menschen-zentrierte Gestaltung des Stadtlebens

Wie wird eine Stadt gestaltet, die für Menschen abschreckend ist?
Es braucht viele, möglichst breite Straßen für den motorisierten Verkehr, die zum Fahren mit einem PKW einladen und auf diese Weise zu einem hohen Lärmpegel innerhalb der Stadt führen. Die Stadt braucht riesige, monoton gestaltete Plätze. Häuser mit vielen Stockwerken und gleichförmig gestalteten Fassaden auf den unteren Ebenen.

Übergangszonen zwischen öffentlichem und privatem Raum sollten möglichst vermieden werden. Stattdessen ist viel Fläche zum Parken zu schaffen, einhergehend mit schmalen Fuß- und Radwegen, sowie wenigen Grünflächen und keinerlei, schattenspendenden Bäumen.

Abschrecken geht einfach!

Abschreckend ist jedoch zugleich, dass (leider) viele unserer Städte „menschenfeindlich“ gestaltet sind. Die Gründe sind vielfältig – oft politisch gewollt. Sie sind auf jeden Fall das Ergebnis einer Missachtung einer Menschen-zentrierten Konzeption, Gestaltung und Weiterentwicklung von Städten.

Design für ein attraktives Stadtleben: Wie wird eine Stadt gestaltet, die Menschen anzieht?

Eine Blaupause zum Gestalten von lebendigen und für Fußgänger sichere Städte bieten uns Ferienanlagen und Freizeitparks. Dort werden große Anstrengungen unternommen, um die unteren Fassaden von Gebäuden, Räume im Außenbereich und Plätze harmonisch, mit viel Liebe zum Detail und abwechslungsreich zu gestalten. Sind Häuser mit mehreren Stockwerken nötig, dann werden die Obergeschosse zurückgesetzt.

Warum tut man das? Um Geld zu verdienen, um Gewinne zu erzielen. Für Freizeitparks und Ferienanlagen ist eine hohe Aufenthaltsqualität im Freien der Schlüssel für wirtschaftlichen Erfolg.

Um eine möglichst hohe Aufenthaltsqualität zu bieten, gibt es in Freizeitparks und Ferienanlagen auch nur stark eingeschränkten, oft komplett verbotenen motorisierten Verkehr. Alles ist ausgerichtet auf den Menschen und auf die für Menschen beste Fortbewegungsform: Gehen.

Von einer PKW- zu einer Fußgänger-zentrierten Stadtentwicklung

Die Lösung zur Gestaltung attraktiver Städte kann nicht darin bestehen sie zu Freizeitparks umzugestalten. Wie so oft wird ein gutes Maß darin bestehen Städte nach „menschlichen Maßstäben“ zu gestalten. Gemeinsam mit den dort lebenden Menschen und unter Beachtung von deren Wünschen, Anforderungen und Erfordernissen – UX Design für attraktive Städte.

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User Experience mit Fragebögen messen

User Experience messen – das ist Dr. Martin Schrepp’s Thema aus Leidenschaft.

Martin Schrepp studierte Mathematik & Psychologie an der Universität Heidelberg. 1990 schloss er das Studium mit dem Titel Diplom-Mathematiker ab und begann eine Promotion in Psychologie. Nach Abschluss der Promotion wechselte er zur SAP AG. Dort ist Dr. Martin Schrepp seit 1994 als UX Experte tätig.

Seiner Leidenschaft für das Messen von UX konnte er stets treu bleiben.

Dr. Martin Schrepp hat zusammen mit Theo Held und Bettina Laugwitz den  User Experience Questionnaire (UEQ) entwickelt und betreut die Weiterentwicklung dieses häufig genutzten UX Fragebogens seitdem zusammen mit Andreas Hinderks und Prof. Dr. Jörg Thomaschewski.

In  zahlreichen Forschungs-, Buchbeiträgen und in seinem Buch User Experience mit Fragebögen messen hat Martin Schrepp sein UX Wissen geteilt und damit der UX Community viel Gutes getan.

„User Experience messen“ – Dr. Martin Schrepp im Interview

Im Interview auf Nutzerbrille gibt Dr. Martin Schrepp seine Erfahrungen zu methodischen Fragen rund um das Messen von User Experience weiter.

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Macht eure Mitarbeiter/-innen zu Fans – Erkenntnisse aus dem UPA Branchenmonitor

Auch 2019 gibt es ihn wieder: Den bewährten und geschätzten Branchenmonitor des Berufsverbandes German UPA . Viele spannende Daten & Fakten zum Arbeiten & Leben als Usability & UX Professional.

Mir ist ein Aspekt besonders aufgefallen: Es wird immer schwerer neue Mitarbeiter/-innen zu gewinnen.

Derzeit sind 4-5 Monate nötig, um eine(n) neue(n) Mitarbeiter/-in für eine offene Stelle zu finden. Einzelne Unternehmen gaben an 18 Monate gesucht zu haben. Im Vergleich zu 2016 stieg die nötige Dauer zur (Neu-)Besetzung einer Stelle um 10%.  Und das in einer Branche die von den dort Tätigen ob ihrer Vielfalt, Gestaltungsfreiheit und erlebten Eigenständigkeit geschätzt wird.

Meine Prognose für die kommenden Jahre: Es wird nicht leichter neue Mitarbeiter/-innen in unserer Branche zu finden. Usability & UX sind „im Trend“ und gewinnen in immer mehr Unternehmen und Lebensbereichen (weiter) an Bedeutung.

Modell zu Beschreibung der Qualität von Beziehungen

Modell zur Beschreibung der Qualität von Beziehungen

Diese Situation sollte für alle Unternehmen ein (Warn-)Signal sein: Als Arbeitgeber sollten sie viel bieten, um Mitarbeiter/-innen zufrieden zu stellen und emotional zu binden.

Nicht nur die Nutzer/-innen auch die Mitarbeiter/-innen gilt es in den Mittelpunkt zu stellen.  Wertschöpfung entsteht durch Wertschätzung – das gilt in unserer Branche im Besondern.

Mitarbeiter/-innen zu Fans machenhochzufrieden, überdurchschnittlich emotional gebunden, treue Gefährten und Botschafter – das wird der Erfolgsfaktor von Unternehmen bleiben.

Unternehmen und vor allem UX-Dienstleister mit wenigen Fans und vielen Söldnern – oder gar Gegnern (im Modell als „Terroristen“ bezeichnet) – werden mittelfristig vom Markt verschwinden (Unternehmen brauchen keine zufriedenen Mitarbeiter, sie brauchen Fans).

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