UX Professionals treffen im Jahr 2017 auf Unternehmen mit sehr unterschiedlichen UX Reifegraden. Viele Inhouse UX’ler starten ihre Karriere in Unternehmen mit zentraler UX Abteilung. Im Reifegradmodell von Jakob Nielsen (Corporate UX Maturity) entspricht das Stufe 5: „Managed Usability“.

Reifegradmodell in Anlehnung an Jakob Nielsen

Entwicklung der UX Reifegrade in Unternehmen (Deutschland) – eigene Darstellung

In diesen Unternehmen ist ein UX Budget vorhanden, ebenso eine zentrale UX Abteilung. Beide Merkmale sind jedoch sehr variantenreich ausgeprägt. Ich treffe noch immer sehr oft auf Unternehmen, in denen die zentrale UX Abteilung aus genau einer Stelle besteht.

Dort setzen 1 Mann /1 Frau Inhouse UX’ler ihr UX Budget vor allem für Usability-Tests ein. Die Tests werden meist von externen Agenturen durchgeführt. Häufig leider viel zu spät im Entwicklungsprozess. Inhouse UX’lern ohne Team fehlt oft auch Zeit, um gewonnenes Wissen aus den Tests zu dokumentieren und für Produktmanager, Entwickler und Designer dauerhaft nutzbar zu machen. Die gemeinsame Entwicklung von Design-Guidelines oder der Aufbau einer Pattern Library finden mangels Zeit ebenfalls nicht statt.

In einer solchen Situation treffen leider viele Inhouse UX’ler falsche Entscheidungen: Sie beginnen immer mehr selbst zu machen, führen beispielsweise Interviews in Tests und arbeiten „zwischendurch“ an der Erstellung von Prototypen mit.

Das ist allemal ehrenwerter, als das Unternehmen zu verlassen, jedoch nicht die beste aller Entscheidungen. Dauerhaft erfolgreiche Inhouse UX’ler nehmen sich viel Zeit, um den UX Reifegrad ihres Unternehmens stetig weiterzuentwickeln. Damit schaffen sie sowohl für sich selbst als auch für das Unternehmen beste Aussichten auf Erfolg. Denn: Ohne Reifegradentwicklung kein Team und ohne ein Team kein „Systematic User-Centered Design (UCD)“ – die nächste Stufe im Reifegradmodell.

Was muss ein Inhouse UX’ler konkret tun, um diese Weiterentwicklung als Person und Unternehmen zu schaffen? Darum soll es in diesem Beitrag gehen.

Ich möchte Sie …

  • als Inhouse UX’ler ohne UX Team und mit wenig UX Budget
  • als Unternehmer/-in mit einer 1 Mann/1 Frau Inhouse UX Abteilung

ermutigen Ihre Zeit bzw. Ihr Geld in die Entwicklung eines User Research & UX Test Frameworks zu investieren, mit dem Sie Ihr Unternehmen im UX Reifegrad deutlich voranbringen.

User Research & UX Test Framework –
damit gelingt der Weg zur nutzerzentrierten Gestaltung!

Um als Inhouse UX’ler langfristig im Job glücklich zu bleiben, ist es notwendig bei Produktmanagern, Designern und Entwicklern für UX zu werben („missionieren“).

Ein User Research & UX Testing Framework ist dabei hilfreich. Es beschreibt Methoden & Verfahren, die je Konzeptions- und Entwicklungsphase geeignet sind, um die Anforderungen, Wünsche und Meinungen von Nutzern abzubilden, gemeinsam mit Nutzern Ideen zu entwickeln und Entwicklungsstände zu evaluieren.

Neben der Methodenbeschreibung umfasst das Framework auch nötige Infrastruktur, damit die Methoden jederzeit schnell durchführbar sind. In der Praxis haben sich diese 3 Module als besonders hilfreich erwiesen:

Mit dieser Forschungsinfrastruktur können Nutzer/-innen bei der Entwicklung von Ideen ebenso einbezogen werden, wie beim Beschreiben von Anforderungen und der Optimierung von Prototypen.

Ein Lead-User Pool ist hervorragend geeignet agilen Entwicklerteams vielfältige und tiefe Einblicke in das Innenleben von Nutzern/-innen zu bieten (Wie Research agiler wird!). Auch Online-Umfragen und remote UX-Test lassen sich in eine agile Projektkultur integrieren. Dies gilt auch für Use-Labs, wenn sie gut geplant und regelmäßig durchgeführt werden (Am 30. gehen wir ins Lab – jeden Monat!).

Steht die nötige Forschungs- und Test-Infrastruktur, dann muss die Implementierung vorangetrieben werden. Das kostet viel Zeit. In diese Arbeit zu investieren ist jedoch enorm wichtig.

Gibt es im Unternehmen regelmäßige Austausch- und Wissenstransfertermine, dann sollten diese genutzt werden, um Produktmanager, Designer und Entwickler über das Framework zu informieren. Im nächsten Schritt muss ein Pilotprojekt bewusst ausgewählt werden, um die Infrastruktur einzusetzen und erlebbar zu machen. Bei der Projektauswahl sollten diese Faktoren beachtet werden:

  • Das Projekt hat unmittelbare Wirkungen auf den Geschäftserfolg.
  • Das Projektteam versteht und akzeptiert die eingesetzten UX Methoden.
  • Die höchste Führungsebene hat Interesse an dem Projekt, verfolgt dessen Stand, Entwicklung und Ergebnis.

Geduld geht hier vor Schnelligkeit. Es ist mittelfristig wirksamer auf das richtige Projekt zu warten, statt schnell mit der Umsetzung des Frameworks zu starten.

Ist das ideale Projekt ausgewählt, dann gilt es sich als Inhouse UX’ler aktiv einzubringen und alle im Projektteam mit dem Framework vertraut zu machen. Bestenfalls kommen im Projektverlauf alle Module der Infrastruktur zum Einsatz. Beispielsweise Anforderungsanalyse innerhalb der Online-Community, Relevanzbewertung einzelner Produktmerkmale per Panelumfrage und iterative Protypentests im Use-Lab.

Ein abschließender Vergleichstest – je nach Projektinhalt per Remote UX Test, UX Messung per Vorher-/Nachher-Umfrage oder klassischen AB Test im Feld – bietet die Möglichkeit den Erfolg des Projektes über Kennzahlen zu belegen.

Steht alles auf grün, dann hat man sich als Inhouse UX’ler ein erfolgreiches Leuchtturmprojekt geschaffen, mit dem das Missionieren für UX nun deutlich einfacher ist. Der Weg zur nächsten Reifegradstufe – von „Managed Usability“ hin zu „Systematic User-Centered Design (UCD)“ – ist geebnet.

Damit einher geht in der Regel eine deutliche UX Budgeterhöhung, die Schaffung weiterer UX Stellen und somit der Aufstieg vom 1 Mann/1 Frau Inhouse UX’ler zum UX Manager. Klingt gut – und irgendwie auch einfach. Zu einfach? Kommt drauf an. Vor allem auf die persönlichen Fähigkeiten des Inhouse UX’lers.

Das zeichnet erfolgreiche Inhouse UX’ler aus!

Leidenschaft für UX muss vorhanden sein. Anderenfalls ist es nicht möglich andere vom Nutzen eines User Research & UX Testing Frameworks zu überzeugen. Erfolgreiche Inhouse UX’ler suchen regelmäßigen Austausch mit anderen UX Professionals, beispielsweise auf UX Stammtischen, Kongressen, BarCamps und Meetups. Ganz nebenbei können dort sowohl Anregungen & Ideen als auch neue Kollegen/-innen gewonnen werden.

Mit diesem Engagement und einem gewissen Grad an Extraversion ausgestattet, sollte es schnell gelingen Aufmerksamkeit für seine Person und Arbeit in der Chefetage zu erlangen. Fundamental wichtig, um von einer 1 Mann/1 Frau UX Abteilung zu einem UX Team zu kommen. Gelingt das nicht unmittelbar, so müssen Fürsprecher in Sachen UX im mittleren Management gefunden werden, mit denen Leuchtturmprojekte realisiert werden.

Sich gern ins Rampenlicht stellen, das ist durchaus hilfreich um in Sachen UX zu missionieren. Gelegenheiten dazu bieten sich in jedem Unternehmen: Das Intranet kann genutzt werden, um über den Nutzen von UX Methoden zu berichten. PR-Abteilungen lieben Fallstudienberichte, welche sich aus Leuchtturmprojekten sehr gut erstellen lassen. Jene bieten zudem eine hervorragende Grundlage für Vorträge und Workshops.

Inhouse UX Trainings & Workshops, buchbar von Kollegen/-innen zur Weiterbildung, sind eine wichtige Maßnahme zum Missionieren für UX. Diese Erfahrung haben zahlreiche Unternehmen gemacht, stellvertretend sei hier Robin Titus, UX Designer bei CapGemini, genannt:

“We started a small education program for the whole department to create awareness about what UX really means. Explaining the different methodologies like working with personas, user interviews, usability testing, user journey maps, interaction design, wireframes, mockups and prototypes. Most important — we did this based on real cases from our business — not just theory or common examples.” (How To Build An In-House UX Team).  

Tue Gutes und lasse andere darüber reden!

Besonders wirksam ist es, wenn Kollegen/-innen über die Erfolge und Früchte der Arbeit als Inhouse UX’ler berichten. Bestenfalls die zuvor beschriebenen Fürsprecher aus dem Management. Damit das gelingt müssen diese Manager mit überzeugenden Daten und präsentablen Unterlagen –  beispielsweise Videoreports mit Eindrücken aus Labtests – versorgt werden. Sie lassen sich leicht (weiter)verwenden und erhalten somit schnell auch in der obersten Chefetage Beachtung.

Ohne externe Unterstützung wird es nicht gehen!

Die Aufgabe eine Organisation im UX Reifegrad weiterzubringen ist alles andere als leicht. Inhouse UX’ler müssen dazu neben einer großen Leidenschaft für UX, viel (Berufs-)Erfahrung, ein breites Methodenwissen, Extraversion und Empathie aufweisen, gut zuhören können und in der Lage sein andere für sich zu gewinnen.

Das sind Eigenschaften die erfolgreiche Change-Manager aufweisen (Becoming a Change Agent: When UX Is Perceived as Threatening). Muss man also beides sein: UX’ler und Change-Manager. Die Antwort ist: Ja.

Das ist jedoch extrem herausfordernd und nahezu unmöglich zu leisten. Sich externe Beratung und Unterstützung einzufordern, ist daher mehr als naheliegend. Es zu tun zeugt nicht von Schwäche, stattdessen von Weitsicht. Die Motivation als Inhouse UX’ler für sein Unternehmen Großes in Gestalt einer UX Reifegradentwicklung zu erzielen (und es nicht nach 6 Monaten wieder zu verlassen) ist enorm viel wert und sollte daher vom Management mit den nötigen Mitteln gefördert werden. Einige tausend Euro für externe Beratung sind dafür sehr rentabel angelegt.

Ich hoffe Sie – liebe(r) Inhouse UX’ler/-in – sind nun gewappnet, um sich auf den Weg zu machen hin zum UX Manager. Tun Sie es! Es wird Sie dauerhaft glücklich machen und sich für Sie und Ihr Unternehmen lohnen.

Foto Thorsten Wilhelm

Thorsten Wilhelm

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